CROWN.

Untersuchungen zu Materialität, Technologie und Erhaltungszustand der Wiener Reichskrone.

Die legendenhafte Verbindung mit der Person Karls des Großen (reg. 768-814) sicherte der heute in Wien verwahrten Reichskrone nicht nur die Verehrung als Reliquie dieses heiliggesprochenen Herrschers, sondern auch deren Stellenwert als Krönungsinsigne des Heiligen Römischen Reichs (Deutscher Nation). Als solche stand sie bis zur letzten Krönung im Jahr 1792 in Verwendung und schrieb sie sich dem kollektiven Gedächtnis als eines der bedeutendsten Symbole europäischer Geschichte ein.

Die konkrete Nutzung bewahrte sie als einzige unter den verschiedenen Kronen, die die Könige und Kaiser im Reich im Mittelalter besaßen und benützten, vor der Zerstörung.

Zugleich brachte dieser Gebrauch im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Verluste und Ergänzungen, Beschädigungen und Reparaturen mit sich. Zusätzlich setzten die Alterung des Materials und ungünstige Umgebungsbedingungen Veränderungsprozesse in Gang, die den heutigen Zustand und das Erscheinungsbild prägen.

Um diese Prozesse, deren Ursache und Wirkung besser verstehen und geeignete Maßnahmen für die bestmögliche weitere Sicherung der Krone erarbeiten zu können, sind umfassende material- und konservierungswissenschaftliche Untersuchungen erforderlich.

Sie stehen im Zentrum dieses Forschungsprojektes, das zum 1.1.2022 in Angriff genommen wurde und bis 31.12.2024 laufen wird. Erstmals überhaupt werden dabei Materialzusammensetzungen, Fertigungstechniken und -schritte, Eingriffe und Veränderungen an der Krone aus interdisziplinärer Perspektive auf so umfassende Weise untersucht und dokumentiert sowie die Befunde im Vergleich mit zusätzlichen Untersuchungen an einigen ausgewählten Vergleichsbeispielen ausgewertet. Die systematische Sammlung von Text- und Bildquellen soll das Wissen um das „Schicksal“ des Objektes besonders für die Zeit nach 1500 deutlich erweitern und helfen, zumindest für frühneuzeitliche Eingriffe und Veränderungen zusätzliche Anhaltspunkte zu finden.

In den Blick genommen werden ebenso sämtliche Inschriften auf der Krone. Der technologische und epigraphische Befund wird dabei erstmals im direkten Austausch erarbeitet und in Hinblick auf die Datierungsfrage diskutiert werden.

Wer macht das Projekt möglich?

Für finanzielle Unterstützung ist an erster Stelle der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie der Rudolf August Oetker-Stiftung zu danken, deren Förderzusage die entscheidende Grundlage bot, das Projekt 2022 in Angriff nehmen zu können.

Zusätzliche Budgetmittel stellten das Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften im Rahmen ihres DOC Stipendienprogrammes zur Verfügung.

Diesen Institutionen ist dafür ebenso zu danken wie den zahlreichen Spenderinnen und Spendern, die sich entschlossen haben, das Projekt im Zuge von Crowd-funding-Aktionen zu unterstützen.

Von zentraler Bedeutung ist für das Projekt darüber hinaus die Unterstützung durch Institutionen und Sammlungen, die ihre Bereitschaft signalisiert haben, Objekte in ihrem Verantwortungsbereich für wichtige Vergleichsmessungen und -untersuchungen vor Ort zugänglich zu machen, bereits vorliegende Ergebnisse eigener Forschungen mit dem Projektteam zu teilen und/oder sich mit eigenen Ressourcen, mit Wissen und Know-how in das Projekt einzubringen:

 

  • Berlin, Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Dr. Stefan Röhrs
  • Essen, Domschatz Essen, Andrea Wegener MA
  • Köln, Erzbistum Köln, Dr. Anna Pawlik
  • Köln, Kath. Kirchengemeinde St. Severin, Dr. Joachim Oepen
  • München, Bayerisches Nationalmuseum, GD Dr. Frank Matthias Kammel, Dipl.-Rest. Joachim Kreutner, Dr. Matthias Weniger
  • Ulm, WITec Wissenschaftliche Instrumente und Technologie GmbH, Dr. Miriam Boehmler, Dr. Thomas Olschewski
  • Wien, Institut für Mineralogie und Kristallographie der Universität Wien, Prof. Dr. Lutz Nasdala

Fragestellungen & Forschungsansätze

Die interdisziplinäre Herangehensweise, das Zusammenwirken von Geschichts- und Kunstwissenschaft, Konservierungs- und Naturwissenschaften bringt verschiedenste Methoden und Zugänge mit sich.

Durch den ständigen Austausch mit internationalen Expertinnen und Experten wird das in der Vorbereitung definierte Methodenspektrum auch in weiterer Folge immer wieder überprüft, wenn nötig adaptiert und falls möglich erweitert werden.

Für die Auswahl ist entscheidend, dass die Untersuchungen zerstörungsfrei eingesetzt werden können. Aus diesem Grund musste etwa eine scheinbar so naheliegende Methode wie die Computertomographie (CT) von vornherein ausgeschlossen werden, da sich aufgrund der dabei zum Einsatz gebrachten hohen Strahlungsenergie die Farben der Edelsteine verändern könnten. Informationen und Einblicke zu konkreten Untersuchungen werden im Verlauf des Projektes laufend ergänzt und erweitert.

Materialanalysen

  • Materialzusammensetzungen
  • Korrosionserscheinungen

Untersuchung des Edelsteinbesatzes mit Hilfe der Ramanspektroskopie

Im Rahmen einer zweiwöchigen Raman-Messkampagne im Mai 2022 konnte in einer Kooperation mit dem Institut für Mineralogie und Kristallographie der Universität Wien der Edelsteinbesatz der Reichskrone erstmals umfassend untersucht werden. Zu den insgesamt 172 auf Kronreif, Stirnkreuz und Kronbügel eingesetzten Steinen gab es davor lediglich eine handschriftliche Aufzeichnung zu einer optischen Klassifizierung einiger Edelsteine aus dem Jahr 1977.

Das für die Untersuchungen eigens adaptierte Ramanspektrometer, das sowohl die Aufnahme von Raman- als auch von Photolumineszenzspektren ermöglichte, wurde von Fa. WITec Wissenschaftliche Instrumente und Technologie GmbH, zur Verfügung gestellt. Dank seiner langjährigen Beschäftigung mit der Ramananalyse von Edelsteinen konnte Univ. Prof. Dr. Lutz Nasdala für alle untersuchten Steine noch während der Messungen eine eindeutige Identifizierung vornehmen.

Insgesamt befinden sich heute 71 Saphire, 50 Granate, 20 Smaragde, 13 Amethyste, 4 Chalcedone, 3 Spinelle und 11 verschieden gefärbte Gläser an der Reichskrone. Weiterführende Untersuchungen zur tiefergehenden Charakterisierung des Edelsteinbesatzes, z.B. zur weiteren Klassifizierung verschiedener Arten von Granaten oder zu besonderen Einschlussphasen, die Hinweise auf die Provenienz einzelner Steine geben könnten, sind im weiteren Projektverlauf geplant. Dabei werden weitere zerstörungsfreie Untersuchungsmethoden, wie z.B. die Röntgenfluoreszenzanalyse, zum Einsatz kommen.

Martina Griesser, 4.9.2022

Untersuchung des Niello-Dekors auf dem Stirnkreuz mittels Röntgenfluoreszenzanalyse

Bei der Darstellung des Gekreuzigten auf der Rückseite des Stirnkreuzes wurde Niello in die gravierten Umrisslinien und Buchstaben eingeschmolzen, um diese deutlich vom Goldgrund abzusetzen. Dabei handelt es sich um ein schwarzfarbiges Gemisch aus Schwefel und verschiedenen Metallen. Frühmittelalterliche Quellen überliefern Rezepturen mit den Sulfiden von Silber, Kupfer und Blei als Hauptbestandteilen in unterschiedlichen Zusammensetzungen.

Da das Christusbild auf dem Stirnkreuz seitens der kunsthistorischen Forschung mehrfach in einen Entstehungszusammenhang mit dem niellierten Dekor auf der Rückseite des sogenannten Reichskreuzes (Weltliche Schatzkammer, Inv. WS XIII 21) gebracht wurde, sollte überprüft werden, ob sich dieser Zusammenhang mit Hilfe der energiedispersiven Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) auch in Hinblick auf die chemische Zusammensetzung der jeweiligen Niellomasse bestätigen lässt. Zum Einsatz kam ein portables, im Zuge eines FWF–Forschungsprojektes („Portable Art Analyzer – PART“, Projekt Nr. L430-N19) am KHM entwickeltes und gebautes Gerät (PART II), das aufgrund seines Messspots von etwa 150µm ein Fokussieren auf die sehr feinen Linien mit dem Niello erlaubt.

Die Analyseergebnisse zeigen, dass sich die Niellomasse des Stirnkreuzes aus Sulfiden von Silber, Kupfer und Blei sowie vermutlich einer geringen Spur Gold zusammensetzt, das aus dem verwendeten Silber stammen könnte. Im Gegensatz dazu besteht das Niello am Reichskreuz nur aus Sulfiden von Silber und Kupfer. Blei und Gold sind hier nur in Spuren nachweisbar und wohl auf Verunreinigungen in den Niello-Grundmaterialien zurückzuführen. Es kamen demnach unterschiedliche Rezepturen zum Einsatz, was aus materialwissenschaftlicher Perspektive bedeutet, dass sich ein direkter Werkstattzusammenhang zwischen den beiden Arbeiten nicht bestätigen lässt.

Im Zuge des Projektes werden die Messdaten dennoch weiter ausgewertet und in den Kontext der bisherigen Forschungen zur Herstellung und Zusammensetzung von Niello im Früh- und Hochmittelalter gestellt. Ebenso bleiben die mit dem Niello-Dekor verbundenen Bearbeitungs- und Werkzeugspuren am Stirnkreuz im Blick technologischer Fragestellungen.


Katharina Uhlir, Teresa Lamers (18. 10. 2022)

Kunsthistorische & Historische Forschung

  • Historische Bildquellen
  • Form und Stilelemente im historischen Kontext
  • Inschriften auf der Krone
  • Historische Schriftquellen

Die Untersuchung der Inschriften auf der Reichskrone

Die Inschriften auf den Emailtafeln der Reichskrone haben in jüngerer Zeit verstärkt Aufmerksamkeit seitens der Geschichtswissenschaft gefunden. Sie legte in Zusammenhang mit bestimmten Buchstabenformen auf den Emailplatten Argumente vor, denen zufolge die Krone nicht vor dem späten 11. Jahrhundert entstanden sein kann, der auf dem Bügel genannte CHVONRADVS also mit König Konrad III. (reg. 1138-1152) zu identifizieren und er als Auftraggeber anzusehen sei. Dieser Datierungsansatz unterscheidet sich sehr deutlich von jenem der Kunstwissenschaft.

Im Rahmen dieses Projektes sollen erstmals sämtliche Inschriften auf der Krone gemeinsam mit dem genauen technologischen Befund in den Blick genommen und die Erkenntnisse im direkten interdisziplinären Austausch diskutiert werden.

Die Krone weist insgesamt zehn Inschriften auf.
Diese sind in vier verschiedenen Techniken auf sieben unterschiedlichen Bestandteilen der Krone angebracht: als Zellen- und Grubenschmelze auf den vier Emailtafeln des Kronreifs, in Niello auf der Rückseite des Stirnkreuzes und in einer technisch ungewöhnlichen Form als aufgefädelte kleine Perlen auf beiden Seiten des Bügels. An diesen Inschriften werden alle epigraphisch bedeutsamen Aspekte untersucht, das heißt die jeweiligen Eigenschaften als Graphismus einerseits und als Text andererseits. Hinsichtlich der graphischen Realisierung geht es nicht nur um den Stil der Schrift (Paläographie) und um dessen geschichtliche Einordnung, sondern auch um die semantischen Implikationen, welche die Anordnung der Schrift und Konventionen ihrer Zuordnung zum Bild betreffen.

Bei den Texten geht es um linguistische und orthographische Gegebenheiten sowie um Fragen der Intertextualität (Verhältnis zu anderen Texten). Das Wissen um die benutzten Quellen und deren Rezeptionsgeschichte, für die im Fall der Schriftbänder auf den Emailtafeln in der Forschung immer wieder die Krönungsliturgie genannt wurde, ist hier von großer Bedeutung. Die grundlegende Leitfrage all dieser Untersuchungen ist die nach der zeitlichen und räumlichen Einordnung der Krone und ihrer Bestandteile, verbunden mit dem Bemühen um ein vertieftes Verständnis ihres semantischen Gehalts.

Clemens M. M. Bayer (23. 11. 2022)

Zur Recherche historischer Bildquellen

Im Rahmen der CROWN-Bildquellenrecherche wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit historische Darstellungen der Reichskrone dabei helfen können, Erkenntnisse zur Objektgeschichte zu gewinnen. Im Fokus der älteren Forschung standen bisher vor allem mittelalterliche Bildquellen, die häufig als konkrete Abbildungen der Reichskrone verhandelt wurden und mit deren Hilfe die Form bzw. einzelne Gestaltungselemente der Krone hergeleitet werden sollten.

Tatsächlich aber lässt sich für die Zeit vor 1500 keines dieser Bilder mit vollkommener Sicherheit als Darstellung der Wiener Krone festmachen. Dies führte zu überaus kontrovers geführten Diskussionen in der Forschung zu diesen Beispielen. Auch wenn eine Zusammenstellung dieser Bilder kaum neue Erkenntnisse für die konkreten Fragestellungen des Projektes verspricht, ist ihre systematische Dokumentation dennoch vorgesehen.

Als Zäsur in der Darstellungsgeschichte der in Wien verwahrten Krone gilt seit langem die berühmte Studie, die Albrecht Dürer nach 1510 vermutlich als Vorstufe für sein Idealbildnis Karls des Großen anfertigte. Die Überlegung, dass der nun neue Blick auf die Umwelt auch hinsichtlich der Reichskronenbilder eine größere Objekttreue erwarten lassen könnte, führte zur Entscheidung, hier einen Schwerpunkt zu setzen und möglichst viele Bildquellen der Zeit nach 1500 zu erfassen. Seit Mai 2022 wurden nun bereits rund 16.000 Einträge in nationalen und internationalen Bilddatenbanken gesichtet und auf dieser Grundlage bislang rund 550 Einträge in der internen CROWN-Datenbank angelegt.

Eine detaillierte Auswertung der bisher getätigten Einträge steht noch aus. Eine Erkenntnis, die sich bereits festhalten lässt, ist aber, dass die Reichskrone in der Zeit nach Dürer zwar sehr häufig dargestellt wurde, doch nur selten so detailliert, dass sich anhand der Abbildungen ein konkreter historischer Objektzustand erschließen ließe. Ausnahmen wie etwa die 1790 veröffentlichten Stiche von Johann Adam Delsenbach, die Abbildungen in dem von Kaiser Franz Joseph I. beauftragten Prachtwerk eines Franz Bock oder die Photoabzüge des frühen 20. Jahrhunderts in den Beständen des Kunsthistorischen Museums Wien versprechen aber durchaus neue Ergebnisse zu den Fragestellungen des Projekts.

Evelyn Klammer (24. 11. 2022)

Zur Recherche historischer Textquellen

Einen wesentlichen Baustein im Projekt bildet neben der systematischen Erfassung von Bildquellen  auch jene von Textquellen zur Reichskrone als Grundlage eines erweiterten Wissens um die Objektgeschichte und den heutigen Zustand. Als besonders relevant sind im Rahmen dieser Fragestellungen Textquellen aus der Zeit der Verwahrung der Reichskrone in Nürnberg (1424-1796) zu erachten, die sich zu Reparaturen und Eingriffen erhalten haben. Sie wurden bislang noch nie systematisch zusammengestellt und in Bezug auf erkennbare Eingriffe und Veränderungen an der Krone ausgewertet.
Die Erfassung von Textquellen aus der Zeit vor 1400 lässt demgegenüber in dieser Hinsicht kaum neue Erkenntnisse erwarten, da das Material bereits oft publiziert und diskutiert wurde. Dennoch sollen die in der bisherigen Forschung mit der Reichskrone und ihrer mittelalterlichen Geschichte in Verbindung gebrachten Textquellen im Rahmen des Projektes als Grundlage für die weitere wissenschaftliche Diskussion zusammengestellt und erschlossen werden.

Begonnen wird mit der Ausarbeitung eines Kataloges aller lateinischen Textquellen bis 1350, dessen Einträge folgende Struktur zeigen werden:

  • „Kopf“ mit Grundangaben (Autor, Zeitstellung etc.);
  • Angaben zum Kontext;
  • Textausschnitt (nicht zu eng eingegrenzt);
  • Übersetzung (möglichst präzise);
  • Kurzkommentar zur Erschließung sprachlicher und sachlicher Probleme (nur soweit erforderlich);
  • Verweise auf die wichtigsten Benutzungen der betreffenden Passage in der wissenschaftlichen Literatur.

Clemens M. M. Bayer, Franz Kirchweger (23. 11. 2022)

Technologische Forschung

  • Herstellungstechnik
  • Restauriergeschichte
  • Erhaltungszustand

Untersuchungen mittels 3D-Digital-Mikroskopie

Spinell an der Stirnplatte mit Durchbohrung von beiden Seiten, Rotationsvideoaufnahme durch das 3D-Mikroskop, 20fache Vergrößerung
Spinell an der Stirnplatte mit Einschlüssen, Rotationsvideoaufnahme durch das 3D-Mikroskop, 20fache Vergrößerung

Von zentraler Bedeutung für die Beurteilung des Erhaltungszustandes sowie die Erforschung der Herstellungstechnik ist die systematische optische Befundung und Dokumentation der Krone selbst sowie relevanter Vergleichsbeispiele mit Hilfe der 3D-Digital-Mikroskopie. Zum Einsatz kommt das Gerät HIROX HRX-01, mit dem sich die Oberflächenmorphologie und Abmessungen von Perlen, Edelsteinen und Zierelementen in einem weiten Spektrum der Vergrößerung (10x -2500x) erfassen sowie 3D-und Panorama-Ansichten wichtiger Bereiche hochauflösend und mit hoher Tiefenschärfe darstellen lassen.
Bei einer ersten Untersuchungskampagne (März bis Juli 2022) stand vor allem die technologische Untersuchung der Goldschmiedeteile und des Edelsteinbesatzes im Zentrum.

172 Edelsteine wurden als Vorbereitung der Raman-Messungen mikroskopisch untersucht, in Auflicht und polarisiertem Licht dokumentiert. Im nächsten Schritt wurden charakteristische Einschlüsse detektiert und in verschiedenen Lichteinstellungen mit dem 3D-Mikroskop aufgenommen. Ebenso wurden insgesamt 824 formale und funktionale Komponenten der Goldschmiedearbeit (Edelstein-, Perlenfassungen, Zierelemente sowie Scharniere, Tüllen, Röhrchen) einzeln untersucht und aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen.

Damit konnten Konstruktion und Aufbau, herstellungstechnische Merkmale und goldschmiedetechnische Charakteristika erfasst, formale bzw. funktionale Unterschiede identifiziert, spätere Eingriffe wie Reparaturen, Umarbeitung oder Ergänzungen dokumentiert und der Erhaltungszustand überprüft werden. Die Spuren der Eingriffe (Reparaturdrähte und -lötungen, Hinzufügung stabilisierender Materialien, Ergänzungen, Lochbohrungen, Nieten) wurden typisiert und mit identifizierten Schadens- oder Umarbeitungsereignissen verknüpft.

Besondere Herausforderungen stellten sich bezüglich des Vorhabens, erstmals verzerrungsfreie Aufnahmen von den Rückseiten des Kronreifs anzufertigen.

Dafür musste das Stativ des 3D-Mikroskops um einen sogenannten FlexArm (zur variablen Positionierung der Objektive aus vielen verschiedenen Raumrichtungen) erweitert und ein Aufnahmetisch mit achteckiger Öffnung konstruiert werden, um die Linse von unten in das Innere des Oktogons einführen zu können.
Zum Abschluss dieser ersten Untersuchungskampagne wurden hochauflösende Multifokus-Scans in 30facher Vergrößerung von allen Platten des Kronreifs (Vorderseite, Rückseite, Oberkante, Unterkante), des Bügels (beide Seiten, Oberkante, Unterkante), des Stirnkreuzes (Vorderseite, Rückseite) sowie der Emailtafeln (hier auch in 90facher Vergrößerung, in Auflicht und Streiflicht) angefertigt.

Helene Hanzer, Teresa Lamers, Herbert Reitschuler, Sabine Stanek (28. 11. 2022)

Wer ist beteiligt?

Das KHM-interne Projektteam vereint kunst-, konservierungs- und naturwissenschaftliches Wissen und Know-how.

Gleichwohl gilt es in der Vorbereitung und Umsetzung der Untersuchungen sowie bei der Auswertung der Ergebnisse in allen Fachbereichen das Gespräch mit internationalen Expertinnen und Experten zu suchen, Erfahrungen auszutauschen, Methoden und Zielsetzungen zu diskutieren.

Beim Thema „Inschriften“ ist die Bearbeitung durch die Fachdisziplin der Epigraphik erforderlich, für die Clemens M . M . Bayer (Lüttich/Mainz) gewonnen werden konnte.

Viele Fachkolleginnen und kollegen haben sich bereit erklärt, das Projekt in Hinblick auf einen inhaltlichen Austausch und unter Einsatz eigener Ressourcen zu unterstützen. Ihnen sei an dieser Stelle für Ihre Hilfestellungen ausdrücklich gedankt.

Konservierungswissenschaften

  • Helene Hanzer
  • Teresa Lamers
  • Herbert Reitschuler

Naturwissenschaften

  • Martina Griesser
  • Sabine Stanek
  • Katharina Uhlir

Kunstgeschichte

  • Franz Kirchweger
  • Evelyn Klammer

Organisatorische Unterstützung: Dominik Cobanoglu, Doris Prlic, Stella Wisgrill

Externe Expert:innen

  • Mauricio ACETO,
    Dept . Scienze e Innovazione Tecnologica , Università degli Studi del Piemonte Orientale "Amedeo Avogadro", Alessandria
  • Thorsten ALLSCHER,
    Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung, Bayerische Staatsbibliothek, München
  • Clemens M. M. BAYER,
    Lüttich/Mainz
  • Andrea FISCHER,
    Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart
  • Monica GALEOTTI,
    Opificio delle Pietre Dure e Laboratori di Restauro
  • H. Albert GILG,
    Lehrstuhl für Ingenieurgeologie, Technische Universität München
  • Matthias HEINZEL,
    Leibniz Zentrum für Archäologie (LEIZA) (bis 31.12.2022: Römisch-Germanisches Zentralmuseum RGZM)
  • Stefanos KARAMPELAS, 
    Laboratoire Français de Gemmologie, Paris
  • Ludger KÖRNTGEN,
    Historisches Seminar, Arbeitsbereich Mittelalterliche Geschichte, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
  • Lothar LAMBACHER,
    Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz
  • Lutz NASDALA,
    Institut für Mineralogie und Kristallographie der Universität Wien
  • Ina REICHE,
    Institut de recherche de Chimie Paris (IRCP) und Centre de recherche et de restauration des musées de France (C2RMF), Paris
  • Stefan RÖHRS,
    Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, - Stiftung Preußischer Kulturbesitz
  • Erika ZWIERLEIN-DIEHL,
    Klassische Archäologie, Universität Bonn

Was wissen wir?

Vieles an dieser Krone ist außergewöhnlich: die achteckige Form, der Dekor mit seiner vielschichtigen inhaltlichen Aussage und ihre Geschichte. Trotz einer langen Forschungsgeschichte werden so zentrale Fragen wie jene nach dem Ort und dem Zeitpunkt ihrer Entstehung in der Wissenschaft nach wie vor höchst kontrovers diskutiert.

Geschichts- und Kunstwissenschaft, Literatur- und Religionsgeschichte haben sich mit der Krone beschäftigt und Überlegungen zu ihrer Formgebung, ihrem Dekor, ihrer Symbolik und/oder Verwendung und Geschichte veröffentlicht. Nur wenig davon kann aktuell aber als völlig gesichert und unbestritten gelten.

Die nachfolgenden Informationen fokussieren vor allem auf grundsätzliche Informationen zur Reichskrone, beschreiben das Erscheinungsbild, die einzelnen Teile und Komponenten in Text und Bild und geben Erläuterungen für eine allgemein interessierte Öffentlichkeit, die auf den Forschungsstand zwar zurückgreifen, ihn aber nicht in seiner gesamten Bandbreite darstellen und vertreten. Der Erfolg des Projektes zur Reichskrone wird nicht zuletzt daran zu messen sein, wie viele Korrekturen und Ergänzungen bei diesen Überblickstexten möglich und nötig sein werden.

Form & Gestalt

Zu Form und Gestalt der Reichskrone gibt es keine Parallelen unter den heute erhaltenen Kronen des Mittelalters. Der Typus der Plattenkrone muss jedoch grundsätzlich bekannt gewesen sein, wie die Darstellung einer ähnlichen Plattenkrone auf einer römischen Marienikone des 8. Jahrhunderts als frühes Beispiel belegt.

Im überlieferten Zustand setzt sich die Reichskrone, die eine Gesamthöhe von 24,4 cm aufweist, aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden.

Acht große Platten bilden den Kronreif, wobei einander Stein- und Bildplatten abwechseln. Leere Halterungen an den Innenseiten bzw. Unterkanten einiger Platten verweisen auf heute verlorene Dekorteile. Die Tüllen an den Innenseiten der Stirn- und Nackenplatte wurden wohl schon im 11. Jahrhundert für die Verankerung des erhaltenen Hochbügels wiederverwendet. Auch beim Stirnkreuz handelt es sich um eine nachträgliche Zutat.

Zur Datierung der einzelnen Teile der Krone gibt es in der Forschung aktuell stark divergierende Meinungen. Am häufigsten wird nach wie vor eine Entstehung der Plattenkrone in der Zeit vor 980 n. Chr. vertreten, der unter Kaiser Heinrich II. (reg. 1002–1024) das Kreuz und unter Kaiser Konrad II. (reg. 1024–1039) der heutige Bügel hinzugefügt worden sei. 

Die acht großen Platten sind über Scharniere mit eingeschobenen Stiften verbunden. Der Reif war also ursprünglich leicht auseinanderzunehmen, als Konstruktion zugleich aber auch relativ instabil. Erst zwei, zu einem unbekannten Zeitpunkt im Inneren eingenietete Eisenbänder stabilisierten die Gesamtform dauerhaft. 

Die Höhe der rundbogigen Platten liegt zwischen 11,9 cm und 14,9 cm. Sie variiert damit ebenso wie der Dekor.

Die Hauptplatten über Stirn, Nacken und Schläfen sind ausschließlich mit Edelsteinen und Perlen besetzt. Die niedrigeren Platten dazwischen tragen emaillierte Darstellungen in der sog. Zellenschmelztechnik. In den heute leeren Tüllen saßen ehemals Schmuckaufsätze aus Edelsteinen oder Perlen. An den Ösen am unteren Rand der Schläfenplatten hingen sicherlich Zierbänder oder -ketten. 

Die Konzeption der Platten am Kronreif verfolgte ganz offenkundig das Ziel, die Leuchtkraft des kostbaren Edelsteinbesatzes zu erhöhen. Dafür wurden die Grundflächen durchbrochen gearbeitet und die Steine und Perlen in aufwändig konstruierten Hochfassungen über diesen Öffnungen platziert.

Der abnehmbare Bügel weist eine Länge von 23,1 cm auf. Er steckt mittels dornenartiger, leicht beweglicher Halterungen in Tüllen an den Innenseiten von Stirn- und Nackenplatte. Ursprünglich dürfte er auch zur Stabilisierung des beweglichen Kronreifs beigetragen haben.

Sein markantes Erscheinungsbild prägen acht Bögen bzw. Lappen, denen nicht nur eine Rahmung, sondern auch eine Inschrift aus kleinen Perlen aufgelegt ist. Sie verläuft über beide Seiten des Bügels und lautet: „CHVONRADVS DEI GRATIA / ROMANORV[M] IMPERATOR AVG[VSTVS]“ („Konrad von Gottes Gnaden / erhabener Kaiser der Römer“).

Meist wird diese Nennung mit Kaiser Konrad II. (reg. 1024–1039) in Verbindung gebracht, in jüngerer Zeit aber auch auf Konrad III. (reg. 1138–1152) bezogen, der allerdings nie zum Kaiser gekrönt wurde. 

Die Zierelemente und die einfachen Kastenfassungen der Edelsteine unterscheiden sich hier deutlich von jenen am Kronreif. Daraus und aus der Art der Montage lässt sich ableiten, dass der Bügel zu einer anderen Zeit entstand als der Kronreif. Wann und unter welchen Umständen es zum Bruch und der Reparatur in der Mitte des Bügels kam, ist unbekannt. 

Die Stirnplatte überragt ein 9,9 cm hohes Kreuz, dessen Vorderseite ebenfalls komplett mit Edelsteinen und Perlen belegt ist. Die Grundplatte ist hier aber nicht durchbrochen, und auch die Fassungen und Zierelemente zeigen gegenüber den Platten des Kronreifs Unterschiede. Die Rückseite trägt das gravierte Bild des gekreuzigten Christus, wie es sich im Früh- und Hochmittelalter noch relativ selten findet. Im frühen und hohen Mittelalter stand die Idee, den Sieg und Triumph Christi am Kreuz zu zeigen, im Vordergrund, was der kostbare Schmuck mit Edelsteinen und Perlen – so wie ihn die Vorderseite des Stirnkreuzes zeigt – zum Ausdruck bringen sollte. 

Der Stil des Christusbildes auf der Rückseite kann mit verschiedenen Goldschmiedearbeiten der Zeit um 1020 in Verbindung gebracht werden. Dieses Kreuz wurde dem Kronreif erst nachträglich hinzugefügt und dabei erstaunlich behelfsmäßig montiert. Der Zapfen des Kreuzes steckt hinter dem oberen herzförmigen Saphir und wird dort mittels einer Kralle fixiert, die zuvor aus der Fassung für den Edelstein herausgeschnitten und an der Tülle angelötet worden war. 

Im Inneren des Kronreifs sitzt ein Birett aus rotem Samt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Nicht nur eine Zeichnung Albrecht Dürers von der Reichskrone, sondern auch sein Idealbild Kaiser Karls des Großen aus der Zeit um 1510 belegen jedoch, dass es auch schon davor solche Hauben gegeben haben muss. 

Sie dienten sicherlich vor allem als Stütze und Auflage für die mit einem Durch­messer (in der Quer­achse) von 22,3 cm relativ große und mit ca. 3,5 kg Gewicht auch schwere Krone auf dem Kopf des Trägers während der Krönungsfeierlichkeiten oder sonstiger Anlässe, bei denen die Krone zum Einsatz kam.

Für die frühe Neuzeit ist überliefert, dass es vor den Krönungen Anproben gab, um den mittelalterlichen Ornat so weit als möglich der Statur des gewählten Herrschers anzupassen. Dabei überprüfte man wohl auch den Sitz der Krone über der Samthaube, die sich mittels eingenähter kleiner Polster anpassen ließ. Einige solcher Pölsterchen finden sich noch heute in der erhaltenen Haube.

Material & Technik

Das Gesamtgewicht der Reichskrone beträgt in ihrem heutigen Zustand 3465 Gramm. Sämtliche Metallteile bestehen aus hochkarätigem Gold. Lediglich die innen nachträglich eingenieteten Bänder zur Stabilisierung des Kronreifs sind aus Eisen. Die acht Platten sind mit insgesamt 116 Edelsteinen, vor allem Saphiren, Smaragden, Spinellen und Amethysten besetzt, die nach Farbe, Form und Größe sorgfältig ausgewählt und positioniert wurden.

Die Zahl der Perlen beläuft sich auf ca. 200. Teile des Besatzes gingen im Lauf der Geschichte verloren. In Einzelfällen wurden sie ersetzt, wie das Beispiel des wohl 1764 montierten achteckigen Granats auf der Nackenplatte zeigt.

Eine Besonderheit stellen die ausgemeißelten Durchbrüche der Grundplatten dar, über denen die Edelsteine und Perlen in ihren Hochfassungen sitzen. Die Grundflächen füllen kleinteilige Ornamente aus Filigrandraht und Kugelpyramiden. 

Die Bildplatten wurden zunächst separat emailliert und danach mittels umlaufender Blech­streifen an ihrem Platz fixiert. Für die Schwärzung der gravierten Darstellung des Gekreuzigten auf der Rückseite des Stirn­kreuzes wurde die sog. Niello­technik verwendet. Nur am Bügel finden sich die auf dünne Gold­drähte bzw. Seiden­fäden aufgefädelten kleinen Perlen für die Inschrift und die Rahmung.

Der hohe Anspruch, den die Krone hinsichtlich ihrer Materialität und Konzeption insgesamt zu erkennen gibt, bestätigt sich auch in vielen Details der Zierelemente. Zu diesen zählen nicht nur die Perldrahtranken und Goldblechröhrchen mit kleinen Goldkügelchen, sog. Granalien, die die Flächen zwischen den Edelsteinen und Perlen füllen, sondern auch deren Fassungen, die auf den Platten des Kronreifs besonders aufwändig konstruiert sind.

Aus Formelementen, wie Perldrahtringen, kleinen Zylindern und freitragenden Granalien wurden feingliedrige mehrstöckige Hochfassungen gebaut, die die einzelnen Steine und Perlen beinahe schwerelos erscheinen lassen und deren Wirkung im Licht steigern.

 Einzelnen Motiven, wie den freitragenden Granalien, kommt dabei in der Diskussion um die Datierung eine wichtige Rolle zu, da sie nur selten auf erhaltenen Goldschmiedearbeiten des 10. und 11. Jahrhunderts zu finden sind.

Die Fassungen auf dem Stirnkreuz und dem Bügel zeigen demgegenüber deutliche Unterschiede. Die eher seltene Form der dreifingrigen Krallen, die am Kronreif die großen Steine in ihren Fassungen halten, tritt z. B. zwar auch am Stirnkreuz in Erscheinung, unterscheidet sich dort im Aufbau jedoch grundlegend.

Im Laufe ihrer langen Geschichte gingen nicht nur einzelne Dekorteile der Krone verloren. Ebenso zeigen sich Schäden, die auf die Nutzung und Handhabung zurückzuführen sind, und damit verbundene Reparaturmaßnahmen, wie etwa Fixierungen einzelner Dekorelemente mit Hilfe von Drähten. Die Goldbleche der Grundplatten zeigen zum Teil starke Verformungen, die noch vor der Stabilisierung des Kronreifs durch die beiden Eisenbänder entstanden sein könnten. Zum Bruch der rechten Schläfenplatte kam es hingegen wohl erst nach deren Anbringung, da die Bruchstelle genau oberhalb der Vernietung des Eisenbandes auf der Platte verläuft.

Repariert wurde der Schaden an der Innenseite mit Hilfe eines bogenförmigen, am Eisenband verankerten Goldblechs. Die verschiedenen Reparaturen stammen sicher aus unterschiedlichen Zeitphasen, die sich bislang aber noch nicht genauer bestimmen lassen.

Ein Bruch zeigt sich auch in der Mitte des Kronbügels. Dieser wurde durch die Montage auf einen vermutlich neuen Bügelträger repariert. Neun Laschen halten diesen Bügel. In Folge des Bruchs und seiner Reparatur verkürzte sich der Bügel ein wenig, da sich dieser an der Bruchstelle zusammenschob und damit den Winkel veränderte.

Inhalt & Symbolik

 

»Jedes Element, jedes scheinbar nur schmückende Detail ist von einem tiefen Sinn erfüllt, in dem sich die Idee vom göttlich legitimierten Kaisertum ausdrückt«

Helmut Trnek 

Die außergewöhnliche Form der Krone und der reiche Besatz aus Edelsteinen und Perlen werden ebenso wie die Darstellungen der Bildplatten seit langem auch auf ihren symbolischen und herrschafts­theologischen Gehalt hin untersucht.

So fügt sich der Kronreif aus acht Platten zusammen, weil die Achtzahl im Mittelalter als kaiserliche Zahl und als Zeichen der Vollkommenheit galt.

Die Edelsteine und Perlen auf den vier größeren Hauptplatten über Stirn, Nacken und Schläfen verweisen gleichnishaft auf die ideale Vorstellung vom Himmlischen Jerusalem. Die Zwölfzahl der großen Steine auf Stirn- und Nackenplatte steht symbolisch für die zwölf Stämme Israels bzw. die zwölf Apostel, als deren dreizehnter sich der Kaiser selbst sehen konnte. 

Die drei Könige und Propheten des Alten Testaments auf den Bildplatten stellen Verkörperungen von Tugenden dar, die ein christlicher Herrscher in seiner Person vereinen sollte. Die vierte Platte zeigt den thronenden Christus, als dessen Stellvertreter auf Erden sich der König oder Kaiser mit dieser Krone auf dem Haupt präsentierte. 

Die vier Bildplatten zeigen Könige und Propheten des Alten Testaments sowie eine Darstellung Christi als Weltenherrscher. Die alttestamentarischen Figuren werden durch Inschriften bezeichnet und halten zusätzlich Spruchbänder mit Bibelzitaten:

König David: 
HONOR REGIS IVDICIVM DILIGIT 
(Die Ehre des Königs liebt das gerechte Urteil)
König Salomon: 
TIME DOMINVM ET RECEDE A MALO
(Fürchte Gott und meide das Böse)
König Ezechias mit dem Propheten Jesaias: 
ECCE ADICIAM SVPER DIES TVOS XV ANNOS 
(Siehe, ich füge deinen Tagen 15 Jahre hinzu).

David, der König Israels und Prophet, steht für die Tugend der Gerechtigkeit, sein Sohn und Nachfolger Salomon für Weisheit, der todkranke Ezechias für das Vertrauen in die göttliche Gnade.
Christus selbst ist in Gestalt des thronenden Weltenherrschers dargestellt, der von zwei Cherubim flankiert wird. Die ihm beigegebene Inschrift P[ER] ME REGES REGNANT (Durch mich herrschen die Könige) verweist auf das Verständnis, dass der Träger dieser Krone von Gott selbst in seine Würde eingesetzt wurde.

An Stirn- und Nackenplatte sind jeweils zwölf Edelsteine durch ihre Größe und farbliche Anordnung besonders hervorgehoben. Schon der Brustschild des alttestamentarischen Hohepriesters, des Kohen, war mit zwölf Schmucksteinen besetzt. Symbolische Bezüge sieht die Forschung ebenso zu den Edelsteinen der Mauer des Himmlischen Jerusalems, zu den zwölf Stämmen Israels und zu den zwölf Aposteln. Die Anzahl der Steine auf der Krone sollte den priesterlich-sakralen Charakter des Herrscheramtes unterstreichen und den Träger als König und Priester zu erkennen geben, der als Stellvertreter Christi auf Erden regiert. 

Mittelalterliche Schriftquellen sprechen von einem besonderen Stein auf der Krone des Reiches, der als der ‚Waise’ bezeichnet wurde. Ob es sich dabei um eine literarische Fiktion handelte oder ob dieser Stein tatsächlich existierte, ist umstritten. Wenn es ihn gab, so muss er seinen Platz an der Stelle des herzförmigen Saphirs an der Stirnplatte gehabt haben. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Fassung dort für einen Stein anderer Form und Größe konzipiert ist, als sie der Saphir zeigt.

Geschichte &
Über­lieferung

Der besondere Stellenwert der Reichskrone als des prägnantesten Symbols der Würde und Legitimation des Königs und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation) entwickelte und etablierte sich erst über Jahrhunderte hinweg. 1246 scheint sie erstmals in einem Inventar der „keyserlichen Zeichen“ auf. Kaiser Karl IV. (1316–1378) förderte ihre Verehrung als Krone Karls des Großen und damit als Reliquie.

Mit den Herrschern wechselten im Mittelalter auch immer wieder die Verwahrorte des Reichsschatzes, zu dem die Krone gehörte. Ab 1424 befand sich dieser Bestand in der freien Reichsstadt Nürnberg, wo er ebenfalls als Reliquienschatz verehrt wurde. In Nürnberg malte Albrecht Dürer um 1511/13 ein Idealbild Karls des Großen, der als Gründer des Reiches mit „seiner“ Krone auf dem Haupt gezeigt ist. Hier wird sie erstmals detailgetreu dargestellt.

1792 fand die letzte Krönung eines römisch-deutschen Kaisers statt. Vier Jahre später wurde der gesamte Reichsschatz vor der Bedrohung durch die französischen Revolutionstruppen in Sicherheit gebracht. In weiterer Folge gelangte er nach Wien an den Hof des regierenden Kaisers Franz II. (1768–1835). Hier verblieben die Krone und alle anderen Teile auch nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806. Seit 1827 werden sie im Rahmen der Kaiserlichen Schatzkammer museal präsentiert.

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